Arsène & Sélène – Kapitel 2

„Sie hat sich als würdig erwiesen.“
„Nun bin ich wohl sein Partner.“
„Wir werden zusammenarbeiten.“
„Ein neuer Anfang wartet.“
„Bleibt nur noch eine Sache…“
„Das einzige Problem ist…“
„Ich muss lernen zu vertrauen.

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Auftrag 02: Morgengrauen

Langsam öffnete Sélène die Augen und erblickte das leerstehende Bett neben ihrem. Einen kurzen Moment wusste sie nicht, wo sie sich befand, dann dämmerte es ihr und sie wunderte sich, dass ihre Fesseln gelöst waren. Gähnend richtete sie sich auf und ging mit langsamen Schritten ins Wohnzimmer. Mit scheinbar suchendem Blick, murmelte sie ein leises „Wo ist er?“ und bewegte sich weiter in Richtung Küche. Dort angekommen, fand sie einen gedeckten Frühstückstisch vor: Eier, Toast und eine Tasse lauwarmen Kaffees standen unberührt da. „Naja… besser als nichts“, dachte Sélène und ihr bereits unüberhörbar knurrender Magen stimmte ihr zu.
Als sie ihr Mahl beendet hatte, begab sie sich wieder ins Wohnzimmer, wo sie ein bekanntes Gesicht im Sessel erblickte.
„Wo warst du? Ich habe dich gar nicht reinkommen hören“, fragte sie verwundert.
„Vielleicht solltest du deine Ohren besser schulen, meine Liebe.  Zu deiner Frage: Ich war ein wenig einkaufen“, erwiderte Arsène.
„Einkaufen? Naja, wenn ich mir den Kühlschrank so ansehe, ist das auch nötig gewesen.“
„Ich habe nichts Essbares gekauft.“
„Hum? Aber…“
„Das ist ab sofort deine Aufgabe.“
„Wie bitte?“
„Du bist meine Partnerin, es ist eine einfache Aufgabenverteilung.“
Sélène schwieg. Es hätte keinen Sinn gemacht, großartig zu protestieren, sie müsste sich letztlich sowieso fügen.
„Jedenfalls“, sprach Arsène weiter, „habe ich ein paar wichtige Kleinigkeiten besorgt.“ Er packte die Einkaufstüte aus und zum Vorschein kamen eine Tageszeitung, einige Schachteln Munition sowie ein dickeres Buch.
„Was ist das?“, fragte Sélène verdutzt, als sie das Buch erblickte.
„Das hier… ist für dich.“
Schusswaffen und ihr Gebrauch„, las Sélène laut vom Einband. „Glaubst du, ich habe noch nie eine Pistole benutzt?“
„Wenn das so ist, dann ist es genau das richtige für dich.“
Verwirrt öffnete Sélène den Buchdeckel und blätterte ein paar Seiten weiter, bis sie einen Hohlraum im Innern des Buches entdeckte, in dem sich eine Pistole befand.
„Bitteschön, keine Ursache“, platzte Arsène heraus, ohne Sélènes Reaktion abzuwarten. „Sieh es als eine Art… Vertrauensbeweis, fürs Erste.“
„Danke. Ich denke, das kann ich gut gebrauchen.“ Sie nahm das silbern glänzende Mordinstrument und zielte mit ihm auf Arsènes Gesicht. Dieser blieb jedoch gelassen und schlug die Zeitung auf.
„Sieh an… ein neuer Auftrag.“ Er hielt Sélène den entsprechenden Artikel unter die Nase. Sie legte die Pistole weg und begann zu lesen:

Internet-Phantom immer noch auf freiem Fuß – Polizei ratlos
Die Polizei versucht weiterhin mit aller Macht den Kinderpornografie-Ring auszuheben, der in letzter Zeit seine Macht durch das neue Medium Internet  enorm ausgeweitet hat. Dabei spielt ein Unbekannter eine  entscheidende Rolle, der bereits seit langem unter dem Namen „Internet-Phantom“ sein Unwesen treibt. Erste Hinweise ergaben, dass es sich um einen Mann, mittleren Alters handeln muss, der sich gut mit Computern auskennt und scheinbar auch Hackerkenntnisse besitzt. Auf weitere Hinweise, die zur Ergreifung des Täters führen, ist eine hohe Belohnung ausgesetzt.

„Was für eine nichtssagende Mitteilung… und was willst du damit andeuten? Willst du ihn etwa schnappen und der Polizei ausliefern? Dann sacken sie dich aber gleich mit ein…“, stichelte Sélène.
„Natürlich nicht, ich habe einen viel lukrativeren Auftrag. Ich werde ihn töten“, gab Arsène kühl zurück.
„Das heißt, du weißt, wo er sich aufhält?“
„Richtig. Um ehrlich zu sein, beobachte ich ihn schon eine ganze Weile, aber ich habe abgewartet, bis die Geschäftsbedingungen für mich besser aussahen.“
„Wer genau gab dir den Auftrag?“
„Das ist für den Moment unerheblich, fest steht, dass er den Syndikaten schon lange ein Dorn im Auge ist, und ich werde diesen Dorn ziehen. Aber nicht allein…“
„Wir beide, hum? Hm… okay, mir bleibt vermutlich keine andere Wahl. Ich bin sogar einverstanden damit, dass solche Typen zur Strecke gebracht werden.“
„Gut, dann verlieren wir keine Zeit. Ich will noch heute Abend eine Kugel in seinem Kopf versenken…“

„Das ist es?“, fragte Sélène verwundert, als sie das baufällige Haus betrachtete. „Was für eine Bruchbude… ich glaube kaum, dass es hier einen Internetzugang gibt.“
„In jedem Fall arbeitet er von hier aus und anscheinend tut er das allein, sonst wäre das Syndikat nicht auf seinen Kopf aus.“
„Nur weil sie auch ein Stück vom Kuchen abhaben wollen?“
„Nein, anscheinend macht er denen auch noch anderweitig Probleme… Egal, packen wir’s an. Ich will zum Mitternachtsdessert zurück sein.“
Zielgerichtet ging Arsène in eine kleine Gasse, die am Haus vorbei in einen Hinterhof führte, von wo aus er das Gebäude bequem über die Kellertreppe betreten konnte. Die zugehörige Tür war nur mit einem kleinen Vorhängeschloss gesichert, das in wenigen Sekunden geknackt war.
„Reine Vorsichtsmaßnahme, dass wir über den Keller einbrechen?“
„Er ist nicht dumm, ich vermute, dass er die Vordertür gut gesichert hat. Vielleicht sogar mit einer Selbstschussanlage und Sprengfallen…“
„Vielleicht? Du beobachtest ihn wohl schon eine ganze Weile… Was machte dich so sicher, dass uns auf diesem Weg keine Falle erwarten würde?“
„Nun…“ Arsène machte eine Pause.
„Ja?“
„Ich wusste es nicht mit Sicherheit, aber ich dachte mir, dass er ja auch irgendwie das Haus verlassen muss. Und da wäre eine großangelegte Sicherheitseinrichtung nur hinderlich.“ Arsène blickte sich um. Außer ein paar mit Styropor gefüllten Kartons, Gaszylindern und etwaigen Heizungsrohren, die quer durch den Raum verliefen, war dieser leer. „Dennoch weiß er, dass wir hier sind…“
Sélène folgte Arsènes Blick und entdeckte etwas hinter einem Rohr versteckt eine Überwachungskamera. „Und nun?“
„Ich werde ihm den Moment gönnen. Er soll sich den Mann noch einmal ansehen dürfen, der sein Lebenslicht erlöschen lassen wird.“ Arsène ging, ohne ein weiteres Wort zu verlieren, voran. Er schien seiner weiteren Umgebung keine Beachtung zu schenken, doch auf seinem zielgerichteten Weg blieb er stets aufmerksam. Bereit, jede Falle zu erkennen und zu entschärfen. Doch die Sorge war offenbar unbegründet, denn die beiden gelangten ohne Mühe oder Umwege ins zweite Stockwerk. Dort, hinter einer Tür würde er sein, sofern er noch nicht die Flucht ergriffen hatte, was angesichts Arsènes Absichten wahrscheinlich war.
„Bereit?“, fragte Arsène.
„Bereit!“, erwiderte Sélène.
Nach einem beherzten Tritt sprang die Tür auf, doch der Raum dahinter war leer. Zumindest gab es keine Spur von dem Internetphantom. Nur ein verwaister Schreibtisch, mit einem Computer darauf und einem kleinen alten Holzstuhl davor war zu sehen.
„Das war ja wohl klar. Hast du erwartet, dass er seelenruhig hier sitzen bleibt und wartet bis du ihn besuchen kommst?“
„Kein Grund, sarkastisch zu werden. Er mag uns gesehen haben, aber der Weg über die Kellertreppe ist der einzige freie Ausgang. Also muss er noch hier sein… Er ist vermutlich aufs Dach geflüchtet.“
Gerade als Arsène sich in Richtung Treppe begeben wollte, schaltete sich der Computer mit einem Piepton an, was Sélène leicht erschreckte. Fragend blickte sie Arsène an. Dieser begab sich an den PC und als der Desktop erschien, erkannte er auf dessen Hintergrund eine Nachricht:
Du solltest besser aufpassen. Niemand ist unsterblich, das wirst du bald erfahren.
In diesem Moment gab es ein Rattern von allen Seiten. Die Fenster vergitterten sich automatisch und mit lautem Gepolter brach die Treppe zu den unteren Stockwerken zusammen und deren Trümmer blockierten nun den Weg, den die beiden zuvor gegangen sind. Sélène musste stark husten, während sich der aufgewirbelte Staub allmählich legte.
„Er hat uns-“
„Ja, er hat uns wohl ausgetrickst“, sagte Arsène mit gesenktem Haupt.
„Dumm rumsitzen wird uns nicht weiterbringen, wir sollten so schnell es geht hier raus. Wir können uns vom Dach abseilen, die Treppe dorthin ist jedenfalls noch intakt.“
„Manchmal glaube ich echt, du bist so naiv. Auch wenn die Treppe unter das Dach führt, der Weg hinaus wird blockiert sein.“
„Aber…“
„Siehst du diese Wände? Es mag wie eine Bruchbude aussehen, aber sie bestehen aus Stahlbeton. Wenn wir hier raus wollen, müssen wir wohl die Gitter durchfeilen, durchsägen… was auch immer. Aber es wird sicher den halben morgigen Tag dauern.“
„Dann fangen wir mal an. Je früher, desto besser.“
Arsène blieb ruhig sitzen, während Sélène in ihrer Tasche wühlte, um die notwendigen Utensilien herauszusuchen.
„Was ist los?“
„Hast du die Nachricht nicht gelesen? Du solltest besser aufpassen. Niemand ist unsterblich, das wirst du bald erfahren.
„Du meinst, dass er uns die Zeit wohl nicht lassen wird, hum?“
„So sieht es aus. Er war bestens vorbereitet. Ich weiß zwar nicht wie, aber er wusste darüber Bescheid, dass ich kommen würde.“ Arsène fiel plötzlich etwas Merkwürdiges auf. Obwohl er die Maus bewegte, verharrte der Zeiger in der linken unteren Ecke des Bildschirms.
„Ist wohl kaputt“, sagte Sélène, die seinen Blick gen Bildschirm bemerkte.
„Nein… ich denke…“ Schnell griff Arsène unter die Schreibtischplatte und entdeckte tatsächlich auf der linken Seite ein kleines Schubfach. Als er es öffnete, kam ein Diktiergerät mit eingelegter Kassette zum Vorschein. „…er will mit uns spielen.“

„Guten Abend, Monsieur de la Croix. Ich weiß, dass Sie mich schon lange beobachten, ja ich will fast sagen verfolgen. Über Wochen haben Sie mich studiert, um herauszufinden, wer ich bin und wann der beste Zeitpunkt ist, zuzuschlagen. Dabei haben Sie allerdings eines nicht bemerkt: Ich beobachte Sie ebenfalls bereits eine ganze Weile und wenn Sie diese Nachricht hören, sind Sie wohl in meine Falle getappt. Sie werden sterben, soviel ist sicher. Aber keine Sorge, Sie werden nicht lange leiden. Sobald die Sonne ihre ersten Strahlen auf die Solarzellen des Daches wirft, werden die Bomben gezündet und das Haus wird mit Ihnen zusammen in alle Winde verstreut. Genießen Sie die letzten Stunden…“
Nachdem die Nachricht beendet war, nahm Arsène das Diktiergerät und schmiss es vor Wut gegen die nächste Wand, wo es in mehrere Teile zersprang.
„Was ist los? Normal bist du doch stets die Ruhe selbst“, wunderte sich Sélène.
„Ich ärgere mich nur ein wenig über mich selbst. Darüber, dass ich so dumm war, nicht zu bemerken, dass ich beobachtet wurde…“
„Selbstvorwürfe bringen uns nun auch nicht weiter. Wir sollten lieber einen Weg hier raus finden.“
„Wie viel Uhr haben wir, Sélène?“
„Mittlerweile nach zwölf.“
„Die Sonne wird gegen halb sechs aufgehen, das wird reichen.“
„Das muss reichen!“
„Dennoch haben wir keine Zeit zu verschenken. Schau dich genau um und sag Bescheid, wenn dir etwas auffällt.“ Arsènes Ton wurde etwas optimistischer. „Ach ja, pass auf eventuelle Fallen auf.“
„Dann schlage ich vor, wir beginnen mit dieser Tür da hinten.“ Sélène deutete auf eine unscheinbare, etwas marode Holztür in der Ecke des Raumes.
Arsène begab sich zu dieser und öffnete sie vorsichtig einen kleinen Spalt.
„Scheint alles in Ordnung zu sein… zumindest mit der Tür.“ Er öffnete sie ganz und gab den Blick auf einen komplett abgedunkelten Raum frei. Durch das einfallende Licht wurde er etwas erhellt, jedoch war außer einem Bett, das sich mittig in ihm befand, nichts zu erkennen.
„Alles sehr spartanisch eingerichtet hier…“, bemerkte Sélène.
„Er brauchte nur das Nötigste hier und war jederzeit bereit, diesen Ort zu verlassen, doch er wartete… Er wollte mich in diese Falle locken.“
„Offenbar hat er große Angst.“
„Ja, die hat er wohl, jedoch nicht vor dem Tod. Viel mehr würde er bedauern, dass er seine schmutzigen Geschäfte nicht weiter betreiben kann.“
Arsène begab sich zielstrebig auf das Bett zu und versuchte es beiseite zu schieben, doch aus irgendeinem Grund schien er größte Mühe damit zu haben. Sélène half ihm mit aller Kraft und letztlich schafften sie es, es wegzubewegen.
„Was ist das?“, schrie Sélène entsetzt auf.
Auf dem Boden waren Kratzspuren und abgebrochene Fingernägel zu erkennen. Arsène betrachtete sie einige Sekunden, dann schien er verstanden zu haben. Er schob mit etwas Mühe die Matratze vom Bett und erkannte, dass ein kleines Mädchen nackt, mit dem Körper zum Boden an den Lattenrost gefesselt war. Schnell zückte er ein Messer und schnitt sie los. Kurz darauf eilte Sélène herbei und zog das leblose Mädchen unter dem Rost hervor.
„Damit verbringt dieses Drecksschwein also seine Freizeit.“
„So ist es“, erwiderte Arsène kalt, als wüsste er über alles bereits bestens Bescheid. „Ist sie…?“
„Nein, sie ist zum Glück scheinbar nur bewusstlos“, sagte Sélène, während sie die Vitalwerte des kleinen Mädchens überprüfte.
„Schön…“ Arsène zückte eine Pistole.
„Was hast du vor?“
„Was wohl? Ich will kein Risiko eingehen.“
„Du willst sie töten? Sie ist sein Opfer gewesen! Nach all dem, was sie durchgemacht hat!“
„Sie könnte ebenso gut mit ihm zusammenarbeiten. Sagt dir das Stockholm-Syndrom etwas?“
„Was immer du vorhast, ich werde es verhindern. Wenn du sie töten willst, musst du vorher mich töten!“
„Was sollte mich davon abhalten?“ Arsène entsicherte die Waffe. Er stand einen Moment still da, dann lies er seinen Arm sinken. „Was soll’s, vielleicht ist sie uns ja noch nützlich.“
Sélène verstand sehr gut, was er eigentlich sagen wollte, auch wenn er das niemals zugegeben hätte. Dennoch war sie angespannt, da sie bei ihm mit allem rechnen konnte.
„Und was nun? Willst du sie aufwecken und nach dem Weg hier raus fragen?“
„Ich glaube, das wird nicht mehr nötig sein…“
Langsam öffnete das kleine Mädchen die Augen. Sie erschrak zunächst, als sie die beiden, in Sélènes Schoß liegend, erblickte. Schnell stand sie auf und lief weg, zurück in den Raum, in dem der Schreibtisch stand und von dort aus zur Treppe, wo sie stehen blieb als sie merkte, dass diese eingestürzt war. Arsène und Sélène folgten ihr.
„Keine Angst, wir tun dir nichts“, sagte Sélène in ruhigem Ton, während sie Arsène einen flüchtigen, bösen Blick zuwarf. Das kleine Mädchen ließ sich auf den Boden sinken und sagte kein Wort.
„Wie heißt du, meine Kleine?“
Keine Antwort. Sie hob den Kopf und blickte Sélène tief in die Augen.
„Ist sie…?“
„Ja, vermutlich ist sie stumm. Das muss es einfacher für ihn gemacht haben, sie unbemerkt zu entführen“, sagte Arsène ruhig.
„Dieser kranke Bastard!“, schrie Sélène auf, was das kleine Mädchen merklich erschreckte. „Tut mir Leid, du brauchst keine Angst zu haben.“
„Vielleicht weiß sie, wo ein geheimer Ausgang ist? Wenn er sie hier schon länger festhielt, muss sie was mitbekommen haben.“
„Frag sie doch einfach.“
„Ich denke, du als Frau hast da eher ein Händchen für Kinder. “ Arsène lächelte leicht süffisant.
Sélène verdrehte die Augen und wandte sich wieder dem Mädchen zu.
„Kannst du uns sagen, ob es hier einen geheimen Ausgang oder so etwas in der Art gibt?“
Das Mädchen rührte sich nicht und sah sie nur mit ihren großen, blauen Augen an.
„So kommen wir offenbar nicht weiter“, sagte Arsène und begab sich zurück in den abgedunkelten Raum. „Hier muss es noch etwas anderes geben… Was… stinkt hier so?“ Er folgte dem eigentümlichen Geruch, der von der Matratze auszugehen schien. „Hm…warum ist mir der Gestank vorher nicht aufgefallen?“ Er zückte ein Messer und schlitzte die Matratze auf. Dabei spritzte etwas auf sein Hemd.
„Was zum… Blut?“ Nun riss er mit beiden Händen den Schlitz weiter auf und entdeckte mehrere Leichen kleiner Mädchen. Zerstückelt und in Plastiksäcken eingepackt. Der Geruch der nun offenen Säcke erfüllte die Atmosphäre. Auch Sélène, die sich noch im Nebenzimmer befand, nahm ihn jetzt wahr.
„Was ist das denn…“, sie konnte den Satz nicht beenden, denn als sie den Raum betrat fiel ihr Blick als erstes auf die aufgeschlitzte Matratze. Für einen Moment konnte sie gar nichts sagen.
„Wir scheinen es hier wohl mit einem krankeren Hurensohn zu tun zu haben, als zunächst angenommen“, sagte Arsène aus dem Hintergrund.
„Lass uns nur schnell einen Weg hier raus finden.“ Sélène warf einen Blick auf die Uhr, es war bereits eins. „Noch circa viereinhalb Stunden…“
In diesem Moment kam das kleine Mädchen zur Tür rein und ging ohne die beiden eines Blickes zu würdigen durch den Raum, geradewegs auf den Wandschrank zu, der bislang unbemerkt blieb. Sie öffnete die Schranktüren und zum Vorschein kamen Arm- und Fußfesseln, die an Decke und Boden befestigt waren. In einzelnen Fächern fein säuberlich sortiert standen und lagen Folterwerkzeuge verschiedenster Form.
„Warum überrascht mich das jetzt nicht?“, sagte Arsène lässig.
Sélène sagte gar nichts. Ihr war anzusehen, dass sie das alles sehr mitnahm. Das kleine Mädchen hantierte hingegen selbstsicher an einer der Fesseln herum, wodurch offenbar ein Mechanismus ausgelöst wurde, der die Rückwand des Schrankes öffnete.
„Faszinierend… gehen wir!“ Arsène ging voraus. Hinter dem geheimen Durchgang lag ein Treppenhaus, das sie wieder in den Heizungskeller brachte, durch den sie in das Haus gekommen sind.
„Irgendwas stimmt nicht… das ist alles zu einfach“, murmelte er leise.
Plötzlich gab das kleine Mädchen, das ihnen die ganze Zeit folgte, ein schrilles Lachen von sich. Arsène und Sélène drehten sich verwundert um. Das Mädchen hatte eine der Gasflaschen, die an der Wand daneben standen, in Beschlag genommen und machte sich nun an deren Hahn zu schaffen.
„Es tut mir Leid, ich kann euch nicht gehen lassen. Böse Menschen verdienen den Tod.“
„Was tust du? Willst du nicht für das gerächt werden, was er dir angetan hat?“, versuchte Sélène sie zu beschwichtigen.
„Nein, denn ich habe es verdient. Auch ich war böse. Hahaha…“ Mit diesen Worten öffnete sie den Gashahn und lies das Zyanid frei, das schnell seine Wirkung zeigte. Zuckend und vor Schmerzen krümmend ging das Mädchen zu Boden. Arsène packte Sélène am Arm und rannte geistesgegenwärtig zur Tür, die seltsamerweise von außen verriegelt war. Mehrmals rempelte und trat er dagegen, wobei er ob der Anstrengung kurz einatmen musste und ebenfalls mit schäumendem Mund zu Boden ging, nachdem seine letzte Attacke die Tür aufspringen ließ…

„Dass diese Bar noch offen hat“, wunderte sich Sélène als sie auf die Uhr blickte. Es war bereits Viertel nach drei. Sie stand vor dem Eingang des 7th Sin und schien auf etwas zu warten. Wenige Minuten später kam eine große, vermummte Gestalt vorbei und sprach sie an: „Madame Minot, es ist mir eine Ehre.“
„Ganz meinerseits“, sagte Sélène müde. Sie begaben sich in die Bar und setzen sich an einen kleinen Tisch in der Ecke.
„Also, wie geht es voran?“, begann der Unbekannte.
„Gut gut, alles bestens.“
„Also bleibt es bei unserer Abmachung?“
„Es ist nicht so einfach, ich brauche mehr Zeit.“
„Ja, das dachte ich mir. Er kann nur schwer Vertrauen zu jemandem fassen. Vor allem, wenn er so attraktiv ist wie Sie…“
„Sparen Sie sich das. Ich werde meinen Auftrag erfüllen, das bin ich meinen Eltern schuldig.“
Der breitschultrige Unbekannte lächelte ein wenig.
„Gut, sobald er Ihnen genug vertraut, versuchen Sie, ihm diesen Brief zu geben. Ich denke, das wird ihn überzeugen.“
„Verlassen Sie sich auf mich“, sagte Sélène mit ernster Miene.

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14 Kommentare zu „Arsène & Sélène – Kapitel 2“

  1. Dieses Kapitel hat mir noch besser gefallen als das erste. Die Überaschung in der Matratze. Dass das Mädchen sprechen kann, hätte ich auch nicht gedacht. Bin schon auf das nächste Kapitel gespannt. Was Sélene wohl vorhat?

  2. vieles ziemlich klischehaft XD klingt fast wie der horror kapitel in der geschichte im vergleich zu ersten ganz anderes geschrieben merkt man schon

  3. Ach ja, für alle, die es noch nicht wissen und nach dem letzten Absatz nun etwas verwirrt sind:
    Arsène ist Sélènes Bruder, der als kleines Kind von der russischen Mafia entführt wurde und dadurch ein Trauma erlitten hat. Der Mönch (aka der Unbekannte in der Bar) war daran beteiligt und möchte nun seine Schuld büßen, indem er hilft, die Familie wieder zu vereinen.

  4. Ui ui ui ui ui! 😀
    Ich liebe solche Geschichten irgendwie.
    Bin auf das nächste Kapitel gespannt,mal sehen,was noch alles kommt.
    @Lordi:Doofi! D:

  5. Bittewas? Leute, ich hab die allerhärtesten Insider-Infos und ich würde mehr auspacken, wenn das nicht unserem lieben Timo alles vorwegnehmen würde. Ich sag nur: FBI und Agent Mulder.

  6. Bin auch gespannt auf das nächste Kapitel, und welche spannenden Fälle da noch kommen, bzw wie diese Verbindung zwischen den beiden sich noch aufdröselt und so.

  7. Ich habe mit Bufko nichts gemein (außer dem Namen…) Ich bin derzeit etwas beschäftigt, aber ich werde nach meinen Prüfungen sicher weiterarbeiten. Seid gespannt!

    1. Vielen Dank, das ehrt mich sehr. Ich hoffe, dass ich euch bald näher bringen kann, wie es weiter geht. Wie geschrieben hoffe ich, dass es bis zum 17. August hinhaut.

  8. Ich danke dir wirklich, dass du dich dazu hinreißen ließt, die Geschichte zu lesen. Ich denke das motiviert mich zu einem guten Teil sie doch mal weiterzuschreiben. Das Problem ist nur derzeit, dass ich die entsprechenden Materialien nicht hier habe und mich erst wieder in den Masterplan einlesen muss, damit mir keine Logiklücken unterlaufen. Also rechne Mal Ende des Jahres mit Kapitel 3 (oder nicht). (Ich sollte definitiv nichts versprechen…)

    1. Oh ich bin geduldig. Als Fan diverser Serien bin ich an’s Warten gewöhnt … 🙂 Ich werde auf lle Fälle dabei bleiben. Ende des Jahres wäre aber schön: Ein Weihnachtsgeschenk für Deine Leser 🙂

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