Der Tag nach der Wahl

Nach der Wahl ist vor der Wahl? Von wegen, denn der Ausgang ließ einiges in einem klareren Licht erscheinen. Angesichts des Titels wird den meisten Lesern wohl klar sein, worum es gleich gehen wird. Das stimmt auch so, doch zunächst zu etwas Anderem, nämlich dem Web Video Preis 2014.

Ja, die Veranstaltung sollte mich eigentlich nicht sonderlich interessieren, aber irgendwie gehöre ich ja auch zur YouTube-Community und produziere Videos, daher kann nicht anders, als meinen Senf dazu zu geben. Ich habe die Veranstaltung komplett gesehen (was geneigte Leser übrigens an dieser Stelle noch einmal nachholen können) und fühlte mich in bemerkenswerter Weise bestätigt, nämlich, dass ich nicht der Generation angehöre, die heute durch die Gazetten als Generation Facebook bezeichnet wird. Mit diesem Etikett werden eher die versehen, die ihr Leben in sozialen Netzwerken fristen und jeden Aspekt daraus über Facebook und YouTube teilen müssen, die über den Humor von Y-Titty, LeFloid und Konsorten lachen können, die Let’s Plays von Gronkh und PewDiePie ansehen, ohne Kopfschmerzen zu bekommen, die zum Großteil im Alter von 10 bis 20 sind und das Netz als Ersatz zum realen Leben betrachten… Das ist es, was ich eher als die Generation Social Web bezeichnen würde.

Doch angesichts ein paar Nominierter und auch Preisträger habe ich eine andere Sache feststellen können, denn ich gehöre sehr wohl zur Generation Internet, allerdings zu einer anderen Kategorie. Ich erfreue mich an Videos der Rocket Beans, schaue Let’s Plays kleinerer YouTuber, die ruhig und sachlich bleiben können, aber auch eine gewisse Art von Random-Humor vertreten, den ich sehr schätze und in mir ein klein wenig nostalgische Gefühle hervorrufen. Eben nicht überdrehte Kiddies sind, die auf Biegen und Brechen versuchen, lustig zu sein und wo die Pointe schon kilometerweit gegen den Wind stinkt. Dabei frage ich mich stets: Bin ich so alt geworden?

Ja, vielleicht bin ich das. Ich gehöre zu der Unterkategorie der Generation Internet, die heute zwischen Anfang 20 und Mitte 30 ist, die in einer weiterführenden Ausbildung oder bereits mitten im Berufsleben stehen, die dem Fernsehen großräumig bis völlig abgewschworen haben und sich die Informationen, die sie benötigen, aus dem Netz holen und die letztlich eben über eine andere Art von Humor verfügen und denen andere Dinge wichtig sind und die das Netz nur zur Erweiterung des echten Lebens nutzen. Diese würde ich als Generation Practical Web bezeichnen. Diese Kluft ging durch den Webvideo-Preis und bis auf wenige Lichtblicke hat sich die weitaus größere und möglicherweise auch aktivere Fangroup durchgesetzt: Die Kiddies. Als Nachwuchs-Entdecker-Preis eignete sich die Chose leider genauso wenig, da in der Mehrheit bereits lange bekannte YouTuber gewonnen haben. Insbesondere bedauerlich ist, dass ein zuvor bereits bekannter Rapper drei Preise gewonnen hatte (darunter in der Kategorie Newbie!), weil er nun einen YouTube-Kanal gestartet hat und dann auch noch für ein Video, das er nicht selbst produziert hat. Das nimmt dem ganzen Wettbewerb irgendwie den Sinn, denn es sollten vor allem die ausgezeichnet werden, die ihr Herzblut in diesen Bereich stecken und nicht diejenigen, die es als Nebenprodukt ihres Hauptgeschäfts betreiben. Von dem inszeniertem Skandal, der einem die Fremd-Schamesröte ins Gesicht trieb, möchte ich gar nicht anfangen, auf jeden Fall ist da noch viel Luft nach oben für die nächsten Jahre. Die Probleme hat Joe Cognito hier noch einmal schön zusammengefasst.

Doch wie seht ihr das? Könnt ihr euch in einer der beiden Kategorien wiederfinden oder habt ihr vielleicht ganz andere Ansichten? Verschiedene Meinungen würden mich brennend Interessieren!

Doch nun von der unwichtigen Wahl des lustigsten Katzenvideos zu einer, der wohl in den genannten Gruppen – traurigerweise – weniger Aufmerksamkeit zuteil wurde, der EU-Wahl. 48% Wahlbeteiligung sind zwar grob 5% mehr als bei der letzten Europawahl, dennoch ist dies mehrals ausbaufähig. Die Bedeutung von Europa ist den meisten Menschen in diesem Land nicht bewusst, denn wenn diese an die EU denken, so denken sie lediglich an Regulierungen von Duschköpfen, Gurkenkrümmungen und Leuchtmittelverordnungen. Vergessen wird dabei, dass diese Gesetzesentwürfe ja von nationalen Interessensverbänden eingebracht worden sind. Und nun haben wir den Salat: Die Protestwähler, die sich EU-Kritikern anschließen, hinter denen rechte Gruppierungen stehen. Dies hat sich in Deutschland durch die 7% für die AfD gezeigt, doch in einem noch dramatischeren Ausmaß in Frankreich, wo der Front National über ein Viertel der Wählerstimmen für sich generieren konnte und damit die stärkste Fraktion dort bildet. Und dann ist da noch Endland, das seltsame Inselvölkchen, das mit der Wahl der UKIP gezeigt hat, dass sie Europa den Rücken kehren wollen. Ein Austritt des Vereinigten Königreichs aus der EU wird somit wahrscheinlicher.

Auf der anderen Seite gibt es da noch die „Südstaaten“, bei denen sich im Wahlergebnis eine klar proeuropäische Haltung ausgedrückt hat und die rechtspopulistischen Parteien klar abgestraft wurden, während die östlichen Staaten der EU das mit Abstand geringste Interesse an der Wahl hatten: In der Slowakei hatten gerade ein mal 13% der Wahlberechtigen von ihrem Recht auch Gebrauch gemacht.

Zurück nach Deutschland: Die leicht erhöhte Wählerschaft dürfte vor allem durch das Urteil des Bundesverfassungsgerichts zur Abschaffung der Sperrklausel befeuert worden sein. So bekamen neben den etablierten Parteien auch sieben weitere jeweils einen Sitz zugesprochen. Am kuriosesten dürfte hierbei die Ernennung der Truppe rund um Satiriker Martin Sonneborn „Die Partei“ ausgefallen sein, die gleich darauf angekündigt hat, die EU wie einen südeuropäischen Staat zu melken.

Eine letzte Anekdote lieferte der Chef-Redakteur der „Zeit“, Giovanni di Lorenzo, der in der gestrigen Runde um Günther Jauch brühwarm erzählte, dass er zweimal abgestimmt habe. Lächelnd, aber sichtlich nervös stammelnd nahm er den Gesetzesauszug über Wahlbetrug am Ende der Sendung entgegen, wobei hier schon klar gewesen sein dürfte, dass dies ein politisches Nachspiel haben könnte.

Was lernen wir aus der Europawahl? Die Rentner- und Volksparteien dominieren, das Interesse an Europa ist gerade in jüngeren Schichten gering und die Bedeutung der Vereinigung dieses Kontinents vielen noch immer nicht bewusst, weswegen Protestwähler keine Scheu zeigen, rechtsextreme Gruppierungen ins Parlament zu hieven. Hoffen wir, dass Europa in den nächsten fünf Jahren wieder zu sich selbst findet und dass der Brandherd im Osten Europas sowie die Zündeleien im Nachbarland nicht übergreifen. Ein befriedeter Kontinent ist mir allemal lieber. Im Übrigen habe ich von meiner Stimme sowie dem Umstand der weggefallenen Sperrklausel Gebrauch gemacht und die Partei für Mensch, Umwelt und Tierschutz gewählt.

Eure Meinung zur Europawahl? Habt ihr gewählt? Wenn nein, warum nicht? Schreibt’s in die Comments!

Advertisements

8 Kommentare zu „Der Tag nach der Wahl“

  1. Den YouTube-Käse hab ich mir nicht angetan. So viel Müll…
    Was diese komischen Kategorien angeht, passe ich wohl am ehesten in die „Ich bin froh, dass mein Internet ein anderes ist als jenes Internet“-Generation 😉

    Ich war wählen, ja, ich habe nicht die AfD gewählt, nein. Doppelt gewählt habe ich auch nicht. Hätte ich vielleicht sollen, wäre eh niemandem aufgefallen.

  2. Ach, der Webvideo-Preis ist auch nicht so meins. Mich interessiert es herzlich wenig, wer welchen Preis bekommt. Meist sind es doch bestimmt auch nur die Sender von Mediacraft, die von Youtube selbst immer ordentlich promotet werden… -___-‚

    Ich war wählen, allein aus dem Grund, dass ich es bei der letzten EU-Wahl schlichtweg verpennt habe. Aber ich hätte auch zweimal wählen können. Die wollten nicht mal meinen Ausweis sehen und meine Mutter verzichtete auf das Wählen. Ich hätte also, geschickt verkleidet oder so, auch ihren Wahlschein nehmen können und erneut eine Stimme vergeben können. Was mich auch ziemlich irritiert hat, war, dass die einen extra Mülleimer für nicht verwendete Wahlzettelabschnitte zur Kommunalwahl hatten. Wer weiß, was man mit denen alles hätte anfangen können. Mir schwebt da das Thema Wahlbetrug vor. Ich will hier aber niemandem etwas unterstellen! 😉

    1. Hättest du mal deine Mutter mitgeschliffen. Jeder sollte doch seine Meinung in Form einer Stimme kundtun! Aber zumindest gut, dass du es dieses Jahr geschafft hast.

  3. Yay, ich bin nach sehr langer Abstinenz wieder mit von der Partie und erfreue mit meinen unpassend langen Kommentaren die ganze Belegschaft! Natürlich ist wieder auch meine Verspätung mit inbegriffen, denn sonst hätte ich ja kein Markenzeichen, mit dem ich angeben könnte.

    Der Unterteilung zum Trotze und aller Zustimmung zur Unerträglichkeit der meisten berühmten YouTuber muss ich dich dran erinnern, dass du auch eine Weile Gronkh abonniert hattest. Ich kann zwar zwischenzeitlich auch sagen, dass mich seine laute Art, manche seiner Ansichten nerven und ich ihn u.a. deswegen nicht mehr schaue, muss aber auch sagen, ihm eine Weile gerne zugesehen zu haben. Ganz immun gegen diese „Kiddie“-YouTuber bin ich also nicht und kann daher verstehen, warum diese ihre Berühmtheit erlangt haben. Und das sagt jemand, der beispielsweise zu LeFloid seitenweise Abneigung schreiben könnte und ihn am liebsten bei jeder Gelegenheit seine Überheblichkeit (im Sinne, er sei besser als die Bild, behandelt doch die Themen auf dieselbe Art und Weise und generiert mehr oder weniger fahrlässig Skandale durch unüberprüfte Falschmeldungen und Satiren) gegenargumentieren möchte.

    Wie auch immer, ich war meist nie wirklich der Fan von Sachen die angesagt gewesen sind und hatte auch nie das Wissen und Bewusstsein für diese, gehöre aber dennoch nach deiner Unterteilung zu beiden Kategorien. Das mag einerseits an den vier Jahren Altersunterschied liegen, aber ich glaube, das liegt vielmehr daran, dass ich nur im Internet auf Leute mit meiner Gesinnung treffen, mich dort für eine Weile frei ohne jegliche Probleme und Sorgen bewegen kann und es gelegentlich sogar als Ventil oder Flucht ansehe. Darüber hinaus besitze ich kein funktionierendes, neumodisches Handy und ich wüsste nicht, wie ich sonst mit dir, Vecrix und einigen anderen in Kontakt treten könnte und ohne das würde mir definitiv etwas fehlen. Daher betrachte ich das Internet schon zumindest teilweise als Ersatz für mein „reales“ Leben.
    Ebenso treffen auch Teilbereiche deiner anderen Beschreibung auf mich zu, wobei mir die Frage aufkommt, ab wann genau das Internetverhalten einen Ersatz für das reale Leben darstellt und wann es „nur“ eine Erweiterung des „realen“ Lebens ist. Außerdem käme dann noch der Aspekt der Voraussetzungen hinzu, da manche mal mehr, mal weniger Entscheidungsmöglichkeiten haben und die Unterscheidung nur schwer feststellen lässt. Leute mit sozialer Phobie sehen beispielsweise oftmals nur das Internet als einzige Möglichkeit, sich mit fremden Menschen auszutauschen, während ein Blinder – zumindest soweit ich weiß – es nur schlecht oder sehr eingeschränkt nutzen kann. Inwieweit kann man also dann von einem Ersatz oder eine Erweiterung sprechen? Nach welchen Maßstäben würdest du das beurteilen? Wo liegt die Grenze?

    Okay, das war philosophischer als beabsichtigt. Daher kurz zum Web Video Preis: Don’t care, got no time to spare. Ich habe mich zwar an der Wahl beteiligt, das aber nur mit einem Klick für einen YouTuber, weil er zufällig daraufhin gewiesen hatte und ich das nominierte Video auch gemocht habe. Ansonsten interessiert es mich zu wenig, kannte auch so gut wie keine der dort angepriesenen Videos oder deren Ersteller und wenn ich ehrlich sein soll, hatte ich auch keine Lust, etwas an dieser Tatsache zu ändern und mir ohne jeglichen Verstand irgendwelche uninteressanten Videos reinzuziehen. Mehr wirst du wohl von mir, mangels Interesse, auch nicht dazu hören.

    Ja, ich habe gewählt, wobei das aufgrund der fehlenden Aktualität wohl nicht mehr weiter wichtig ist. Es ist eh wieder das rausgekommen, was ich nicht haben wollte. Aber immerhin habe ich meine Pflicht getan und kann daher zu Recht über den erschreckenden Wahlausgang und auf die ganzen Leute schimpfen, die den Zusammenhalt von Europa zerstören wollen und rechte Parteien, wie etwa die AfD, freiwillig gewählt haben. Ich habe ja schon bei der Wahl zuvor beinahe ein Herzinfarkt bekommen, als sie beinahe die Fünf-Prozent-Hürde überwunden haben, doch hier ist es sogar noch schlimmer und gleich sieben Prozent der Wählerstimmen haben für diese… diese… Partei gestimmt. Urks, hoffe, die nächste Wahl geht besser aus.

    1. Nicht durcheinander werfen: Gronkh ist kein Kiddie-YouTuber. Ich kann mir nur die meisten seiner LPs nicht ansehen, da seine Kommentare häufig kolossal nerven. Mein Abo hatte ich damals wegen dem LP zu Outlast, wo es noch recht erträglich war. Mittlerweile kann man zum Glück Videos in die „Später Ansehen“-Liste packen, was ein Abo wegen einer Playlist oder einiger weniger Videos nicht mehr nötig macht.

      Bezüglich Erweiterung meine ich, dass man das Internet praktisch nutzt, eben als Erweiterung zum normalen Leben. Das brauchen einige Leute mehr andere weniger. Übermäßige Benutzung sehe ich, wenn das Internet das Leben einschränkt. Wenn man mit Leuten unterwegs ist und trotzdem dauernd auf seinem Handy FB-Nachrichten checkt, wie früher, wenn man statt etwas mit Freunden zu unternehmen lieber zu Hause blieb, weil grade eine Folge seiner Lieblingsserie lief.

Eure Meinung? Schreibt's in den Commentsbereich!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s