Wenn die Musik Wurst ist…

Da isser wieder. Einmal ich natürlich mit einem lange herbeigesehnten Beitrag, andererseits der alljährliche Roundup zum Eurovision Song Contest, für den sich offiziell eh niemand interessiert. Dieses Jahr habe ich ihn ausnahmsweise sogar mal live gesehen, und das im TV, denn ich war bei Freunden zu Besuch und es lief natürlich eine ESC-Party. Alles in allem war es amüsant, doch der spätere, nüchterne (ja, das ist durchaus doppeldeutig zu verstehen) Recap hatte doch ein G’schmäckle.

Alles in allem gab es dieses Jahr überraschend wenig Totalausfälle unter den Songs, obwohl die Qualität natürlich weiterhin dem Pop-Ereignis angemessen war. Ein paar Favoriten für mich haben sich ergeben so wie für den Rest Europas schnell herauskristallisiert. Der erste Platz war überraschend und absehbar zugleich, denn dass Conchita Wurst, der bärtige Travestikünstler auffallen würde, war nicht die Frage. Dass dieses Faktum allerdings derart positiv honoriert wurde, war nicht unbedingt zu erwarten.

Klar, dem Klischee nach ist die größte Fangruppe des ESC schwul, aber das allein reicht nicht aus, um den Contest zu gewinnen, denn es gab schon in der Vergangenheit Paradiesvögel, die schlechter abschnitten. Nein, viel mehr ist es die Tatsache, dass – machen wir uns nichts vor – der Song tatsächlich gut war und umso mehr, weil man nicht damit rechnete, dass Tom Neuwirth tatsächlich eine gute Stimme hatte (mir ging es zumindest so, denn ich kannte den Künstler zuvor nicht). Und so hagelte es 10er und 12er aus allen Teilen Europas und sogar die angeblich so homophoben Russen vergaben fünf Punkte an den Song à la 007. Doch da sind wir auch schon beim springenden Punkt: Wurde der Song bewertet oder der Künstler?

Schon früher stand der Contest in der Kritik zu einem Politikum zu werden. Länder der ehemaligen Sowjetzone, gemeinsamer kultureller oder sprachlicher Hintergründe sowie schlicht Nachbarländer schoben sich die Punkte gegenseitig zu. Viele Male wurde das System geändert, um dem entgegenzuwirken, dem Publikumsvoting wurde eine Jury entgegengestellt, die, wie man am diesjährigen Beispiel sieht, die Sache etwas ad Absurdum führte, denn der Punkteabstand des Siegertitels wäre noch um einiges größer gewesen. Fünf Punkte gegen Homophobie titelt die Tagesschau gar und meint damit die Punkte für Österreich aus Russland garniert mit reißerischen Hetzphrasen eines rechtsradikalen, russischen Politikers, den in seinem Heimatland eigentlich niemand ernst nimmt. Wenn man dies in Kontrast zu dem stellt, was während der Veranstaltung gelaufen ist, nämlich, dass die russischen Künstler allein Aufgrund ihrer Herkunft auf der Bühne ausgebuht wurden und auch bei der Punktevergabe jedes Mal, wenn Punkte an die föderale Republik im Osten gingen, Pfiffe und Zwischenrufe die Klangkulisse bildeten, erkennt man, dass das ach so tolerante Europa genauso Nachholbedarf hat.

Natürlich ist es nicht in Ordnung, was in der Ukraine derzeit abläuft. Natürlich ist Homophobie große, dampfende Kacke und die Petition gegen Neuwirth in Weißrussland vollkommen überzogen. Aber all dass sollte keine Rolle spielen. Eigentlich sollte es um die Songs gehen und die Qualität der Stimme, die ihn vorträgt. Frei von politischen Querelen oder Skandalen im Vorfeld. Wenn jemand gut singen kann, sollte es egal sein, welcher sexuellen Rolle er zufällt, welcher Religion oder welcher Ethnie er angehört. Gelebte Toleranz sollte allerdings auf beiden Seiten stattfinden: Die beiden Künstlerinnen aus Russland sind schließlich nicht für die jüngsten Ereignisse in der Ukraine verantwortlich und sollten demnach auch nicht anklagend behandelt werden.

Auch ich möchte das Thema an dieser Stelle für mich abschließen, dies war also nur mein ganz persönlicher Senf zur Wurst. Kommen wir also zu meiner diesjährigen, persönlichen Top 5:

5. Italien
+ Emma Marone
> La Mia Città

Kraftvolle Stimme, die es auch mit den treibenden Hintergrundbeats aufnehmen kann. Nicht zu pompös, aber genau richtig für den MP3-Player unterwegs.

4. Island
+ Pollapönk
> No Prejudice

Solidarität mit Stotterern mag sich wie eine ungewöhnliche Thematik für einen Song anhören, doch die Alt-Punkband aus Island bringt dies so sympathisch rüber und fällt mit Klamotten in Power Rangers-Farben gleichmäßig auf. Ein schöner Song, dessen Botschaft sich auf vieles weitere anwenden lässt.

3. Niederlande
+ The Common Linnets
> Calm After the Storm

Für den ersten Platz hat es aus offensichtlichen Gründen nicht gereicht, obschon der Song große Klasse war. Der Beat erinnert ein wenig an „The Police“, die Stimmen überzeugen und harmonieren im Mix. Trotz scheinbarer ESC-Untauglichkeit hat der Song es auf Platz 2 geschafft. Qualität setzt sich eben doch ab und zu durch.

2. Armenien
+ Aram MP3
> Not Alone

Der Armenier mit dem seltsam technologischen Künstlernamen zieht alle Register. Erst als seichte Balade beginnend steigert sich die Stimmung mit schnellen, gleichmäßigen Violinenklängen und Dubstep-Beats auf dem Höhepunkt. Mir gefiel’s.

1. Finnland
+ Softengine
> Something Better

Die Nummer erinnert mich ein bisschen (zu sehr) an The Killers, aber vermutlich gerade deswegen finde ich sie auch so toll. Mein persönliches Highlight aus dem Contest!

Das war sie nun, meine persönliche Top 5! Honorable Mention wäre der Song der Ukraine, Deutschlands und nach meiner Rede da oben natürlich auch Österreichs, die zwar allesamt gut waren, aber es nicht mehr in meine persönlichen Favoriten geschafft haben. Nächstes Jahr geht’s dann vermutlich in Wien weiter und ich hoffe, dass der ESC dann wieder ein Stückweit unpolitischer wird.

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4 Kommentare zu “Wenn die Musik Wurst ist…”

  1. Ich persönlich interessiere mich nicht für den ESC – und bin immer etwas überrascht, wie viele es doch tun, noch vor 10 Jahren hätte ich gesagt, den gibt es nicht mehr lang 😀

    Das Lied der Wurst kenn ich nicht, soll ja wirklich angeblich gut sein, doch als ich gelesen habe, wie die die Punkte im Sturm eingesackt hat, war mir altem Zyniker natürlich sofort auch der Gedanke nahe, dass dies teilweise auch einfach nicht am Gesang liegt, sondern ein Statement gegen Intoleranz ist. Was natürlich grundsätzlich eine schöne Sache ist, aber nicht unbedingt, worum es in einem Gesangswettbewerb gehen sollte, zumal sich solche Political-Correctnes-Sympathien auch leicht erschleichen lassen, wenn man es drauf anlegt. Und eben auch etwas heuchlerisch ist, wenn man dann die Künstler Russland wegen der Kremmel-Politik ausbuht.

  2. Ähnlich wie Kaoru interessiert der ESC auch mich nicht. Daher juckt es mich relativ wenig, wer, inwiefern und auf welche Weise gewonnen hat. Selbst damals, als Deutschland mit der Lena gewann, habe ich – abgesehen vom Hass durch die ständigen Wiederholungen des Songs im Radio – keinerlei nennenswerten Emotionen verspürt.
    Allerdings müsste ich lügen, würde ich behaupten, mich dennoch nicht über den Sieg der Conchita zu freuen. Weniger wegen des Songs an sich, den ich bis zum jetzigen Zeitpunkt nicht einmal gehört habe, sondern vielmehr wegen der Aufmerksamkeit auf die Problematik, die mit sehr, sehr Glück auch eine Gleichstellung bewirken könnte. In der Hinsicht bin ich dann sogar ausnahmsweise egoistisch und empfinde Schadenfreude für diejenigen, die es aus homophoben Gründen als eine Zumutung empfinden.
    Ich verstehe deine Einwände aber ganz gut, denn diese Veranstaltung steht für ein vereinigtes Europa, ist darüber hinaus ein Wettbewerb und daher sollten faire Bewertungen immer im Vordergrund stehen und auch begrüßt werden.

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