Stell dir eine Welt ohne freies Internet vor…

Nutzer der englischsprachigen Wikipedia – und ich bin überzeugt davon, dies trifft 99% meiner Leser – werden es sicher bemerkt haben: Einen hübschen schwarzen Bildschirm, der einen daran hindert nachzuschlagen, wer den Oscar für die beste Hauptrolle 1970 bekam, warum Gürteltiere mit Ameisenbären verwandt sind und natürlich was hinter SOPA steckt. Letzteres steht für Stop Online Piracy Act und will eigentlich nur den Handlungsspielraum US-amerikanischer Urheber kopiergeschützter Werke erweitern. Was sich grundsätzlich rational und rechtmäßig anhört, kann jedoch weitreichende Konsequenzen für das gesamte Internet haben.

Der Gesetzesentwurf sieht vor, dass Seiten bei Verstoß gegen Urheberrechte gesperrt werden können. Die Provider sind im konkreten Falle dazu angehalten, entsprechende Domains zu sperren. Suchmaschinen dürfen keine Ergebnisse mehr zu dieser Seite anzeigen, Paypal-Konten können eingefroren werden. Dies soll vor allem dazu führen, Maßnahmen gegen Websites ergreifen zu können, deren Server im Ausland liegen. Interesse daran haben vor allem die Film- und Musikindustrie, die Hauptgeschädigten der mittlerweile alltäglich gewordenen Online-Piraterie.

Ein Problem tritt dabei allerdings gerade für Seiten zutage, die von User-generated Content leben, wie YouTube, Newgrounds oder jedes beliebige Forum. Hier könnte ein urheberrechtlich geschütztes, hochgeladenes Video, Bild oder Schrifstück eines unbedarften Users dazu führen, dass die komplette Seite gesperrt wird. Aus diesem Grund regt sich massiver Widerstand gegen SOPA. Große Namen sind hierbei, neben dem erwähnte Wikipedia, auch Google, ebay, Facebook, Twitter, Yahoo, Mozilla, Nintendo, Sony und viele weitere. Um den Internetnutzern die Schwere der Bedeutung dieses Gesetztesentwurfs klar zu machen, wird der Zugriff auf viele Seiten heute für 24 Stunden verwehrt und stattdessen eine Protestmeldung eingeblendet, die über den Sachverhalt aufklärt. Bemerkt habe ich das auch, als ich heute meine tägliche Webcomic-Ration von Cyanide & Happiness begutachten wollte.
UPDATE: Auch René Walter leistet auf Nerdcore heute seinen humorigen Beitrag zum Tagessgeschehen.

Was bedeutet das für uns? Nun ja, erstmal nicht viel. Zumal der Gesetzesentwurf noch nicht verabschiedet ist und in dieser Form wohl (hoffentlich) nicht durchgehen wird. Problem ist, dass in Amerika getroffene Maßnahmen dieser Größenordnung sich nicht selten auf Europa – früher oder später – auswirken. Die EU-Parlamentarier winken zwar momentan ab, doch man kennt ja die übliche Politikerdevise: Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern.

Weitere Infos zu SOPA können in diesem interessanten Kommentar auf GameOne.de nachgelesen werden.

An anderer Stelle wird gerade die Freiheit des öffentlich-rechtlichen Fernsehens veteidigt, nämlich in unserem geschätzten Nachbarland Österreich. Hier protestieren 55 redaktionelle Mitglieder des ORF gegen die Einflussnahme der Politik auf die Programminhalte:

Sehr interessant gerade im Hinblick dessen, dass bei uns ebenfalls Politiker durch führende Positionen bei den ÖR ihren Einfluss auf das Programm ausüben, wenn auch subtiler. Ob dagegen auch irgendwann einmal, notfalls mittels eines Gesetzes vorgegangen wird, ist momentan allerdings nicht ersichtlich.

Was ihr tun könnt? Informiert über euren Blog, Twitter, YouTube, facebook. Spread the word! Stop censorship!

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3 Kommentare zu “Stell dir eine Welt ohne freies Internet vor…”

  1. Nintendo und Sony haben nichts auf der SOPA-Gegnerliste zu suchen. Sie waren anfangs sogar individuelle Unterstützer, jetzt sind sie es als Mitglieder der ESA technisch gesehen immernoch.
    (Falls sie inzwischen doch öffentlich dagegen sind, dann bitte ich um eine entsprechende Meldung.)

    1. Schön mal wieder von dir zu hören. =)

      Laut meiner Infos war es tatsächlich so, dass Sony und Nintendo zunächst zu den Unterstützern des SOPA gehörten, doch mittlerweile die Situation überdacht und die Seiten gewechselt haben.

    2. Sagen wir so, solche Firmen können es sich nicht leisten, öffentlich für SOPA zu sein, da ihre Hauptzielgruppen zum Großteil zum informierten Teil der Masse gehören.
      Sony Music z.B. ist noch für SOPA (falls sich das nicht inzwischen auch geändert hat, ich halte mich nicht grade auf dem Laufenden).

      Nun, im unwahrscheinlichen Fall, dass SOPA und/oder PIPA durchgehen sollten – Schade für die Amerikaner. Uns würde das nur am Anfang betreffen, aber technisch gesehen haben wir genug Möglichkeiten, ohne die Staaten unser Internet zu haben. Für .com-Domains und Co ließen sich auch anderswo Nameserver aufstellen.
      Ich hab mir sagen lassen, dass FaceBook Server am Nordpol aufstellen will – angeblich wegen der einfacheren Kühlung, im Hintergedanken aber sicherlich auch, um in solchen Fällen gewisse Freiheiten zu behalten.
      Bis wir unsere eigenen Satelliten für GPS im All haben, soll es auch nicht mehr allzu lange dauern (bis Dato sind wir da vollständig von den USA abhängig).

      Außerdem gibt es immer Hintertüren. Man würde schon Wege finden, das ganze zu Umgehen. Aber wie gesagt, ich halte es ohnehin für unwahrscheinlich.

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